Der zweite große Wochenendausflug führte uns der Küste entlang nach Cape Coast und Elmina, zwei Städte, die leider besonders wegen ihrer gewaltigen Sklavenburgen bekannt sind. Cape Coast, die Bildungshauptstadt Ghanas hat eine Vielzahl von privaten Colleges und eine große Uni. Die Stadt hat circa 100.000 Einwohner, wirkt aber wie alle Städte hier viel größer, weil sich das Leben nicht wie bei uns hinter Fassaden und Wänden, sondern auf den Straßen abspielt und man überall unglaublich viele Menschen sieht. Die Fahrt nach Cape Coast war zwar nicht so ein Erlebnis wie die nach Kumasi, aber auch hier haben wir unglaubliche 4 Stunden gebraucht – und das bei nur 190 km Distanz. Es hat jedenfalls in den Bus reingeregnet und mein Sitz war so unglaublich wackelig, dass ich ständig von einer zur anderen Seite geschwankt bin. Sehr thrombose-gefährlich jedenfalls. In Cape Coast angekommen haben wir uns im Amkred Guesthouse mit 9 Leuten in 2 Doppelzimmer und ein Einzelzimmer gemütlich gemacht.
Diesmal dabei waren Dave (Los Angeles), Will (Vancouver), Mary (Ottawa), Daniela (Dresden), Andrea, Roslin und Everett (Edmonton), Quentin (Liege) und meine Wenigkeit. Beim ersten Rundgang durch die Stadt ist uns auch gleich der krasse Unterschied zu den beiden Metropolen des Landes Accra und Kumasi aufgefallen: Straßenkinder, Dreck überall, winzige Hütten mit 16-köpfigen Familien davorsitzend, teilweise unerträglicher Gestank und viel Bettelei – ABER – hier waren die Menschen noch freundlicher und hilfsbereiter als anderswo – und das soll schon was heißen.
Abends nach dem obligatorischen Gulder (das wahrscheinlich beste Bier Ghanas), haben wir uns dann noch müde auf den Weg zu einem Nachtclub mit Privatstrand gemacht. Sehr nett und leider teuer (seltsam, dass man nach ein paar Wochen schon aggressiv wird, wenn das Bier statt 0,80 Cent, plötzlich 2 Euro kosten soll). Es gab jedenfalls eine Tanzfläche unter Bambusdach am Strand und ich hab mich sehr gut mit Cesar, einem Balaphonspieler aus Burkina Faso unterhalten. Er versucht in Ghana ein bisschen Geld zu verdienen und es seiner Familie in Bobo-Dioulasso zukommen zu lassen. Ghana scheint das Luxemburg Westafrikas zu sein, so viele Menschen versuchen hier ihr Glück. Positiv ist, dass man als Westafrikaner kein Visum für die angrenzenden Länder braucht, man bekommt eine dreimonatige Aufenthaltsgenehmigung.
Am nächsten Morgen schüttete es dann zum allerersten Mal wirklich aus Eimern und es wurde so richtig schön ungemütlich. Auf der überschwemmten Dachterrasse des Nachbar-Hostels hatten wir dann ein dreistündiges und vor Allem übertrieben öliges Frühstück. Danach ging es im Nieselregen zum Weltkulturerbe Nummer 1 in Ghana, der ehemaligen Sklavenburg Cape Coast Castle, wo wir den kompletten Nachmittag verbrachten. Es war grausam die unterirdischen Verliese zu sehen, wo bis zu 1000 Sklaven gleichzeitig auf ihren Tod oder die Schiffe in den Westen warten mussten. In den Wänden waren überall noch Zeichen dessen zu sehen. Schwere Ketten, Kerben und Striche in Stein geritzt. Ganz furchtbar und durch das trübe Wetter noch deprimierender. Trotzdem waren die beiden Museen, das Gelände und die anschließende Führung wirklich sehr gut. Die dazugehörigen Fotos gibt’s auf meiner Picasa-Fotoseite, hier noch mal der Link http://picasaweb.google.de/unkenzucht. Während der Führung und der Besichtigung des Castles sind wir auch zweimal beschimpft worden: „Schämt ihr euch denn nicht für die Taten, die ihr unseren Vorfahren angetan habt?“ und „Hey weißer Mann, ihr solltet eigentlich jetzt als Wiedergutmachung hier unten eingesperrt werden“. Obwohl solche Beschuldigungen mich als 23-Jährigen nicht wirklich zu Recht treffen und auch nicht sonderlich taktvoll formuliert wurden, haben sie mich doch nachdenklich gemacht. Hab ich nicht auch noch von der Ausbeutung Afrikas profitiert. Eigentlich schon, denn die Arbeitskraft der ehemaligen Sklaven und der Raub der Bodenschätze des Kontinents haben Amerikaner und Europäer (also den weißen Mann) reich gemacht. Afrika und der schwarze Mann sind bis heute davon betroffen, ausgebeutet und weit hinter uns, trotzdem aber konfrontiert mit dem 21. Jahrhundert, in dem keine romantische Stammesgesellschaft mehr unbeeinflusst existieren kann.
Der Rest des Tages war dann mehr als absurd. Während unserer Besichtigung wurde Dave dann krank, ziemlich krank, sodass er alle 5 Minuten auf die ekelhafte Toilette rennen musste. Und da er sich eingebildet hat, dass er Fieber hat, wollte er auf Nummer sicher gehen und lieber einen Malariatest in einer Klinik machen lassen. Da ich so ein netter Zeitgenosse bin hab ich mich dann bereit erklärt mit ihm eine private Klinik zu suchen, da man von öffentlichen Krankenhäusern scherzhaft sagt, man gehe dort nur hin, um zu sterben. Nach halbstündiger Taxifahrt in zwielichtige Ecken sind wir dann endlich in einer angeblich privaten, ich bezweifle das aber stark, Klinik angekommen. An der Rezeption saß die dickste Krankenschwester, die ich jemals gesehen habe und guckte ganz gemütlich Big Brother Africa. Nachdem ich mich auf einen kaputten Stuhl gesetzt habe, fiel zum ersten Mal der Strom aus. Nach circa 10 Minuten in der Dunkelheit funktionierte plötzlich wieder alles. Das Witzige war, dass sich Frau Krankenschwester zuerst mit der erneuten Inbetriebnahme des Fernsehers beschäftigte, als sich um die Patienten zu kümmern. Dave hat jedenfalls gelitten, weil es ihm wirklich schlecht ging und er sich ständig übergeben musste und den absolut flotten Otto hatte. Zudem erschwerte der Umstand, dass Miss Nurse nur einige Brocken Englisch sprach, die Untersuchung nicht unerheblich. Kurz bevor der Strom zum zweiten Mal ausfiel sollte Dave dann zum Fiebermessen. Anstatt auf ihren Patienten Acht zu geben, der sich das fiese Thermometer sofort unter die Zunge schob, schaute sie wieder Big Brother Africa, dem TV-Hit auf dem ganzen Kontinent. Hätte sie Acht gegeben hätte sie früher sagen können, dass das Thermometer nicht für den Mund, sondern für die Achsel bestimmt gewesen wäre. Ich hab mir jedenfalls das Lachen verkneifen müssen. Der Arzt, zu dem Dave dann durfte war jedenfalls auch nicht besser. Ohne weitere Untersuchung hat er einfach behauptet David hätte Parasitenbefall und er verschrieb ihm ein sehr starkes Medikament, dass die komplette Darmflora abgetötet hätte. Unglaublich. Er hat es jedenfalls nicht genommen, was sehr klug war, ging es ihm doch zwei Stunden später schon viel besser. In der Zwischenzeit hatten die anderen jedenfalls nicht weniger Aufregendes zu tun. Im Gewusel des Festivals grapschte Unbekannter in Wills Brusttasche und stibitzte 50 neue Cedis (ungefähr 40 €). Was dann folgte war eine wilde Verfolgungsjagd durch Gässchen mit Will, Everett, Roslin und Andrea. Da aber Andrea zwei unglaublich süße Welpen entdeckte (kein Scherz!!!) stoppte sie kurzerhand mit Roslin und Everett und der Dieb entkam. Auf dem Polizeirevier passierte dann aber natürlich nichts außer 3-stündiger Wartezeit und so endete der abend gegen 22:00 mit einem sehr aggressiven Will und süßen Welpenfotos von Andrea.
Am nächsten Morgen brachen wir dann zum Elmina Castle auf, circa 25 km westlich von Cape Coast, dem ältesten europäischen Gebäude südlich der Sahara. Da hier das Wetter unglaublich schön war und der Palmenstrand Bacardi Feeling verbreitete kam, trotz grausamer Vergangenheit, nicht das gleiche Gefühl auf, wie am Vortag in Cape Coast. Als wir dann aber zu 20st in die Todeszelle gequetscht und für 5 Minuten eingesperrt wurden war es aber mit Bacardi Feeling vorbei. Auch hier wieder durchdringende Blicke auf uns Weiße. Seltsames Gefühl. Der Tag endete dann aber mit dem rapiden Gesundheitseinbruch von Daniela und Mary, weswegen die Heimfahrt für die beiden zur Tortur wurde. Durchfall und überfüllter Bus, der nicht stoppt wenn man muss, sind eben keine ideale Voraussetzung für eine spaßige Heimfahrt.
So weit so gut, bald gibt’s ein Update und neue Fotos vom Wochenende im Nachbarland Togo, das nicht weniger aufregend war. Hoffe ihr lest schön weiter und ich schreib mir die Finger nicht umsonst fusselig. Bis bald Michi.
3 Kommentare:
Umsonst schriebst Du auf keinen Fall. Sehr unterhaltsam sind Deine Berichte. Man hat beim Lesen das Gefühl, Du wärest direkt hier neben mir und erzähltest die Geschichten. Ich wünsch Dir nur das Beste und freue mich auf die nächsten Einträge. Viele Grüße aus Erli...Janina.
da stimme ich nur zu.
Es macht richtig spass deine Berichte zu lesen, und manchmal kann man auch mit dir leiden.
Wünsche dir das allerbeste und bleib weiterhin gesund.
Liebste grüsse aus Bonn
Ja, ich stimme zu. Schön von dir zu lesen Michi. Es freut mich, dass es dir gut geht. Bitte weiter die Finger in Fetzen schreiben für uns!
Es grüßt der Birkenweg 12, der dich vermisst
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